Geschichte des Voltigiersports

Die Wurzeln des Voltigierens finden sich in allen Kulturen, in denen das Pferd als Fortbewegungsmittel zur Sicherung der Lebensexistenz (Jagd, Herdentreiben) eine bedeutende Rolle spielte. Aus den verschiedenen Kulturen und Zeitepochen sind Übungen überliefert, mit denen ein rasches und sicheres Auf- und Abspringen erlernt und trainiert wurde. Auch von kleinen Kunststücken wird berichtet, die schwerpunktmäßig das Ziel verfolgten, im Kampf den Gegner zu täuschen, sich zu schützen oder sich einen Vorteil zu erkämpfen.

Indianer ließen sich in vollem Galopp vom Pferderücken gleiten, während sie ein Bein auf dem Pferderücken einhängten und aus dieser Position über den Rücken oder den Hals des Pferdes ihre Pfeile abschossen. Die Rekruten im antiken Rom, so berichtet Flavius Vegetius schon 375 n. Chr., mussten das Auf- und Abspringen an Holzpferden trainieren. Aus der Zeit des Mittelalters wird vor allem in der höfischen Dichtung das Aufspringen der Ritter auf das Pferd beschrieben. Als besonders ehrenhaft galt es, wenn der Ritter seine körperliche Kraft und Gewandtheit zeigen konnte, indem er ohne Steigbügel in voller Rüstung auf das Pferd sprang.

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Die Entwicklung des Voltigierens steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Reitkunst zur Zeit des Renaissance in Italien. In dieser Epoche mit ihren weitreichenden Veränderungen im Militärwesen, der Kultur, der Wissenschaft und dem höfischen Leben, entwickelte sich aus dem Auf- und Abspringen auf das laufende Pferd das eigentliche Voltigieren. Von diesem Zeitpunkt an wird es mit dem lateinischen Begriff ´volte sive giri´ bezeichnet. In den Werken des Italieners Petrus Monti von 1492 und 1509 werden Einzel- und Partnerübungen auf dem stehenden oder sich bewegenden Pferd beschrieben.

Der ästhetische Aspekt des Voltigierens wird damals schon besonders herausgestellt. Das Voltigieren gewann als Zeitvertreib am Hofe große Bedeutung und zog durch seine ´Anmut´ und ´Leichtigkeit´ die Zuschauer an. Castiglione beschrieb das Voltigieren so:”Für nicht weniger rühmlich halte ich das Voltigieren zu Pferde, das zwar mühevoll und schwierig ist, aber mehr als alles andere äußerst behende und geschickt macht; und es bietet, wenn die Leichtigkeit von schöner Anmut begleitet ist, außer dem Nutzen nach meiner Meinung ein schöneres Schauspiel als irgendetwas sonst.” Aus dem Jahr 1630 stammt das ´Trattato del modo di volteggiare e saltare il cavallo di legno´ von giocondo Baluda, in dem Übungen systematisch dargestellt werden, die fast ausschließlich für die Ausführung auf einem Holzpferd gedacht waren. Ihre Ästhetik wird mit Begriffen wie ´Anmut, Schönheit, Leichtigkeit, Sicherheit, Exaktheit und Perfektion´ in den Beschreibungen betont.

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Im 17. und 18. Jahrhundert stieg die Bedeutung des Voltigierens als Unterrichtsfach an den Ritterakademien. So schrieben Johann Georg Paschen (1661), Talander (1706), Alexander Doyle (1719) sowie Johann Andreas Schmidt (1749) mehrere lehrbücher über das Voltigieren für diese Ritterakademien. Nachdem bisher immer die Rede von einem Sattel gewesen war, tauchte hier zum ersten Mal ein Voltigiergut auf, der den heutigen Gurten schon sehr ähnlich war.

Das Voltigieren hat auch für die Geschichte des Turnens eine große Bedeutung. Wie vielfach angenommen, wurde nicht das Turnen auf einem Holzpferd beim Voltigieren auf das lebende Pferd übertragen, sondern die Entwicklung verlief umgekehrt. Aus den herkömmlichen Gewandtheitsübungen des Voltigierens, die auf einem lebenden Pferd und später auf einem Holzpferd praktiziert wurden, entwickelte sich das Pferdturnen.

Im 19. Jahrhundert wurde das Voltigieren fester Bestandteil der Kavallerieausbildung, wobei es sich hier vermehrt um Zweckbewegungen zum Üben des Auf- und Abspringens handelte.

1920 in Antwerpen war die Disziplin “Kunstreiten” das erste und bisher einzige Mal im Programm der Olympischen Spiele. Soldaten mussten in einer Einzel- und einer Mannschaftswertung Übungen auf dem gesattelten und ungesattelten Pferd sowohl im Stand als auch im Galopp vorführen.

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Das moderne Voltigieren hat in den letzten Jahrzehnten vielfache Veränderungen erfahren. In den Anfangsjahren bestanden die Kürübungen hauptsächlich aus einzelnen statischen Übungsteilen.

Der Voltigiersport hat sich von den Anfängen bis heute zu einer modernen Sportart mit einem vielseitigen Angebot sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport entwickelt: von einer spielerischen Grundschulung auf dem Pferd bis zu ausgefeilten, akrobatischen Bewegungsgestaltungen im Leistungssport.

Das Voltigieren entwickelte sich auch auf internationaler Ebene ständig weiter. 1983 erhielt der Voltigiersport seine internationale Anerkennung durch die Aufnahme in die FEI und die Gründung eines eigenen Voltigierkomitees. Im selben Jahr wurde das 1. internationale Reglement herausgegeben. Mit der ersten Europameisterschaft 1984 in Ebreichsdorf (Silber für den Verein aus Braunau) und der ersten Weltmeisterschaft 1986 in Bulle in der Schweiz (Bronze für Braunau) wuchs die Verbreitung und Anerkennung des Voltigiersports auf internationaler Ebene. Höhepunkte bildeten die Weltmeisterschaften 1990 in Stockholm, 1994 in Den Haag, 1998 in Rom, 2002 in Jerez de la Frontera und 2006 in Aachen, die im Rahmen der World Equestian Games durchgeführt wurden. 2010 erkämpfte sich die Voltigiergruppe Pill, Schwaz, in einem höchst spannendem Wettbewerb die Bronzemedaille bei den Weltreiterspielen in Kentucky.

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Auszüge aus “Richtlinien 3 für Reiten, Fahren und Voltigieren” des FN-Verlages Text Ulrike Rieder und Anja Reinhardt

In Österreich brachten neben Mag. Franz Geiger und Erich Breiter Karin und Karl Alber den Voltigiersport an die Spitze des nationalen und internationalen Turniersports.

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